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Warum gute Führung ohne Selbstführung unmöglich ist

Als ich meine erste Führungsrolle übernommen habe, wurde ich im wahrsten Sinne des Wortes ins kalte Wasser geworfen. Keine lange Vorbereitung, kein strukturiertes Onboarding in Führung. Plötzlich war ich verantwortlich – für Menschen, Ergebnisse, Entscheidungen. Mein Blick war dabei fast ausschließlich nach außen gerichtet:
Was brauchen die anderen?
Wie halte ich das Team zusammen?
Wie löse ich Konflikte, treffe Entscheidungen, liefere Ergebnisse?

Was mir lange nicht klar war: Ich hatte kaum einen Blick für mich selbst.

Ich funktionierte. Ich organisierte, moderierte, erklärte, griff ein. Nach außen wirkte das souverän. Nach innen war ich oft unsicher, getrieben und angespannt. Ich reagierte viel – und führte wenig aus innerer Klarheit heraus.

Mit zunehmender Erfahrung kam langsam eine Einsicht, die heute für mich zentral ist: Gute Führung beginnt nicht bei Methoden, Kommunikation oder Tools. Sie beginnt bei der eigenen Selbstführung.


Der Wendepunkt kam für mich nicht durch ein weiteres Führungsseminar, sondern durch Coaching. Zum ersten Mal ging es nicht darum, wie ich andere führen sollte, sondern darum, wie ich mich selbst erlebe, steuere und reguliere – unter Druck, in Konflikten, in Verantwortung.

Erst dort wurde mir klar, wie sehr mein eigenes Stresslevel, meine inneren Antreiber und meine ungeklärten Erwartungen mein Führungsverhalten beeinflusst hatten. Und wie sehr Führung ohne Selbstführung zwangsläufig an Grenzen stößt.

Selbstführung ist kein rein modernes Konzept

Was heute unter Selbstführung, Selbstregulation oder innerer Klarheit diskutiert wird, ist keineswegs neu. Die Stoiker – allen voran Marcus Aurelius, Epiktet und Seneca – haben sich vor fast 2.000 Jahren intensiv mit genau dieser Frage beschäftigt: Wie kann ein Mensch verantwortlich handeln, ohne sich von äußeren Umständen, Emotionen oder Erwartungen treiben zu lassen? Marcus Aurelius schrieb in seine Selbstbetrachtungen – nicht für andere, sondern für sich selbst: „Du hast Macht über deinen Geist – nicht über äußere Ereignisse. Erkenne das, und du wirst Stärke finden.“ Im Kern geht es um eine einfache, aber anspruchsvolle Unterscheidung: Was liegt in meiner Kontrolle – und was nicht?

Führung scheitert oft nicht am Können, sondern an innerer Unklarheit

Viele Führungskräfte verfügen über Fachwissen, Erfahrung und gute Absichten.
Und doch geraten sie immer wieder in ähnliche Muster:

  • sie reagieren impulsiv statt bewusst,
  • sie vermeiden Konflikte oder eskalieren sie unnötig,
  • sie übernehmen zu viel Verantwortung und brennen aus,
  • oder sie suchen Sicherheit im Operativen, statt wirklich zu führen.

All das sind weniger fachliche als innere Themen.

Die Stoiker hätten gesagt: Nicht die Situation ist das Problem – sondern die Bewertung der Situation.

Oder um es mit Viktor Frankl, dem österreichischen Psychologen zu sagen:
"Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. Führung entscheidet sich in diesem Raum."

Was Selbstführung für Führungskräfte konkret bedeutet

Selbstführung heißt nicht, Emotionen zu unterdrücken oder immer gelassen zu sein.
Sie bedeutet:

  • die eigenen inneren Reaktionen wahrzunehmen,
  • automatische Muster zu erkennen,
  • und bewusst zu entscheiden, wie man handeln will.

Drei Aspekte sind dabei zentral:

1. Innere Klarheit statt innerem Lärm

Führungskräfte stehen permanent unter Beobachtung. Unklare innere Zustände übertragen sich unmittelbar auf Teams. Selbstführung beginnt damit, sich regelmäßig zu fragen:

  • Was treibt mich gerade?
  • Wo reagiere ich aus Angst, Druck oder Perfektionismus?
  • Was ist hier wirklich meine Verantwortung?

Die Stoiker nannten das tägliche Selbstprüfung – eine Praxis, keine Theorie.

2. Emotionale Selbstregulation unter Druck

Veränderung, Konflikte und Unsicherheit gehören zur Führungsrealität.
Entscheidend ist nicht, ob Emotionen auftreten – sondern wie mit ihnen umgegangen wird.

Ein emotional übersteuerter Mensch kann keine Orientierung geben.

Selbstführung bedeutet:

  • Gefühle wahrnehmen, ohne von ihnen geführt zu werden,
  • Pausen zwischen Impuls und Handlung zuzulassen,
  • und Entscheidungen aus Haltung statt aus Affekt zu treffen.

3. Verantwortung für Haltung und Wirkung übernehmen

Stoische Selbstführung heißt auch, Verantwortung nicht zu delegieren – weder nach oben noch nach außen.

Führungskräfte prägen durch ihr Verhalten:

  • die Qualität von Feedback,
  • den Umgang mit Fehlern,
  • den Ton in Veränderungsprozessen.

Nicht durch Absichten, sondern durch Wirkung. Oder wie Seneca sinngemäß schrieb:
Nicht weil Dinge schwierig sind, wagen wir sie nicht – sondern weil wir sie nicht wagen, sind sie schwierig.

Selbstführung als Grundlage für Führung in Veränderung

Gerade in Veränderungs- und Krisenphasen zeigt sich, wie tragfähig Selbstführung ist. Wer sich selbst nicht führen kann,

  • sucht Halt in Kontrolle,
  • vermeidet unbequeme Entscheidungen,
  • oder verliert sich im Aktionismus.

Wer sich selbst führen kann,

  • bleibt handlungsfähig in Unsicherheit,
  • trifft klarere Entscheidungen,
  • und bietet anderen Orientierung, ohne alles wissen zu müssen.

Viele Führungskräfte berichten erst im vertraulichen Rahmen – etwa im Austausch unter Peers oder in Coaching-Gesprächen – wie sehr sie diese innere Arbeit fordert. Und wie entlastend es ist, sie nicht allein leisten zu müssen.

Fazit: Führung beginnt immer bei einem selbst

Gute Führung ist kein Persönlichkeitsmerkmal. Sie ist das Ergebnis bewusster innerer Arbeit.

Die Stoiker würden sagen: Führe zuerst deinen Geist – dann kannst du andere führen.

Aus heutiger Sicht lässt sich das einfacher formulieren: Ohne Selbstführung bleibt Führung reaktiv. Mit Selbstführung wird sie wirksam. Und genau dort beginnt nachhaltige Führung – ruhig, klar und menschlich.


About the Author Mo Hamid

Mein Name ist Mo, ich bin Coach und Organisationsentwickler mit Philosophie-Background und Erfahrung im Leadership internationaler Unternehmen. Ich unterstütze Leader, Teams und Organisationen dabei, sich weiterzuentwickeln und den eigenen Weg zum Erfolg zu gehen.
Mein Purpose: Eine lebenswerte Arbeitswelt gestalten.

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